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Regentag bei der Döllnitzbahn


Der Herbst hält eigentlich für Fotografen besondere Reize bereit. Buntes Laub, von der tiefliegenden Sonne angestrahlt, schafft einen wundervollen Rahmen, um Eisenbahnen in Szene zu setzen. Was aber, wenn die Sonne nun nicht scheint, aber dafür naßkalter Regen über das Land peitscht? Ich habe mich am 22.10.1986 davon nicht abhalten lassen und bin zur Döllnitzbahn gefahren, mit ihren IVk-Lokomotiven. Vier Stück befanden sich dort 1986 noch an Werktagen täglich im Einsatz!


Die Tage Ende Oktober sind schon ziemlich kurz, es empfiehlt sich deshalb auch bei kurzen Entfernungen, mit dem Nachtzug anzureisen. So beginnt meine Fahrt wieder einmal kurz nach Mitternacht in Berlin-Lichtenberg. D 559 verläßt den Bahnhof mit zwei Minuten Verspätung um 00:13 Uhr. Das Rumpeln des Langholzwagens übertönt das Summen der Leuchtstoffröhren und wiegt mich in den Schlaf. Ab Bitterfeld geht die Fahrt nur noch schleppend voran, immer wieder sind auf den Hauptgleisen stehende Güterzüge zu überholen. Nun, mit 36 Minuten Verspätung erreiche ich den Leipziger Hbf um 03:05 Uhr. Kein Problem für mich, denn mein Anschlusszug nach Oschatz (P 3721) verkehrt erst kurz vor 05:00 Uhr. In der Tür zur Mitropa-Gaststätte steht ein Zeberus und kontrolliert die Fahrkarten, beäugt misstrauisch meinen Freifahrtschein, lässt mich dann aber doch in die "heilige" Halle mit ihren knarrenden Dielen. Kaffee und Wiener sind auch noch vorrätig, so recht kann ich mich nicht entscheiden, welches der beiden Erzeugnisse des wohl schon recht schläfrigen Kochs mehr Wärme (oder Kühle?) ausstrahlt. Na, egal: Zum Glück sind meine Geschmacksnerven ebenso schläfrig, also noch ein zweiter Kaffee hinterher eingeschüttet, dann verlasse ich das Etablissement nach einer Stunde schon wieder und packe mich in den schon bereitstehenden P 3721. Und dieser bringt mich pünktlich um 06:00 Uhr nach Oschatz. Es ist noch dunkel, nur im Osten kündigt ein fahler Schimmer den nahenden Tag an. Und: Es gießt in Strömen. Soll ich hier auf den ersten Nahgüter warten? Oder lieber mit dem Bus nach Mügeln fahren? Ich entschließe mich zu Letzterem und stehe um 07:00 Uhr auf dem ausgedehnten Mügelner Schmalspurbahnhof.


99 1564 in Mügeln

Auch hier: Durchdringender Regen, Pfützen überall. 99 1564 kehrt gerade mit der Früh-Übergabe 70037 aus Altmügeln zurück, während 99 1562 vor dem Lokschuppen hinter dem imposanten Kohle-Förderband auf neue Einsätze wartet. Frierend laufe ich ein Stück aus dem Bahnhof heraus und warte dort auf den Frühzug aus Oschatz, Ng 66958. Das Einfahrsignal steht schon lange auf Fahrt, und dann kommt er auch schon herangedampft, bespannt mit 99 1574, und rollt klappernd und rumpelnd an mir vorbei in den Bahnhof.

99 1562 in Mügeln
99 1574 in Mügeln 99 1574 in Mügeln 99 1562 in Mügeln
99 1574 in Mügeln 99 1574 in Mügeln

Vor dem Lokschuppen hat sich inzwischen 99 1564 zur 1562 gesellt und deren Personale fachsimpeln ein wenig miteinander (Bils oben). 99 1574 rangiert dagegen noch ein wenig auf dem Bahnhof, bevor sie sich ebenfalls zum Lokschuppen begibt und vor der Lokleitung zum Halten kommt. Stelldichein dreier Loks zum zweiten Frühstück, die vierte (99 1608) rangiert derweil in Oschatz. Da stehen sie nun, die schwarzen Dinger, vor denen das Schild warnt!


Ein bisschen Bewegung tut mir jetzt bestimmt gut! Und nach 09:00 Uhr rollen zwei Züge gen Westen, Ng 66978 nach Kemmlitz, gefolgt von Üg 70038 nach Altmügeln. Zwischen Mügeln und Altmügeln verläuft die Strecke zeitweise durch recht offene Landschaft. Kaum habe ich diese erreicht, naht auch schon 99 1562 auf dem Weg nach Kemmlitz. Der recht lange Zug verlangt der kleinen Lok alles ab, leicht quietschend durchfährt er den in einer Kurve liegenden Bahnübergang, im Hintergrund grüßt der trutzige Turm von Schloß Ruhetal.

99 1574 in Mügeln 99 1574 in Mügeln 99 1562 in Mügeln

Und weiter in Richtung Altmügeln. Der markante Turm müsste sich doch auch noch besser in Szene setzen lassen! Glücklicherweise ist der Bahndamm begehbar, was man von der danebenliegenden Wiese leider nicht behaupten kann. Und heller ist es auch nicht geworden, als 99 1574 auf der Fahrt nach Altmügeln an mir vorüber dampft. Schnell hinterher! Die dort zu erwartenden Rangierarbeiten warten nicht auf mich!


99 1574 vor Altmügeln 99 1574 vor Altmügeln
99 1574 in Altmügeln 99 1574 in Altmügeln 99 1574 in Altmügeln

Bei meiner Ankunft sind die Rangierarbeiten schon in vollem Gange. 99 1574 setzt gerade an den östlichen Bahnhofskopf um, um mit Metallrädern beladene offene Wagen aus den umfangreichen Anschlussgleisen des VEB Mügelner Maschinenbau abzuholen. Viel Arbeit für den Rangierleiter, das Umstellen der Weichen, das Sichern der Bahnübergänge, das Einhängen der schweren Kuppelbäume.


Mehrmals wird der unbeschrankte Bahnübergang der Wermsdorfer Straße befahren. Nun, irgendwann sind auch die umfangreichsten Rangierarbeiten beendet! Der fertig gebildete Zug steht zur Rückfahrt im Hauptgleis und der Rangierleiter holt sich telefonisch vom Zugleiter die Erlaubnis zur Abfahrt nach Mügeln. Aber dann: Ein langgezogener Pfiff und die Fuhre bullert los, das Zischen des entweichenden Dampfes wird von den Abdampfschlägen der Lok unterbrochen. Ein ziemlich schwerer Zug muß in Fahrt gebracht werden, wenn ich im Dunst richtig gezählt habe, befinden sich wohl acht aufbgebockte Güterwagen und der Packer am Zughaken!

99 1574 in Altmügeln
99 1574 in Altmügeln 99 1574 in Altmügeln 99 1574 in Altmügeln
99 1562 in Mügeln 99 1562 in Mügeln

Da vergisst man doch glatt für kurze Zeit die nassen und kalten Füße und die inzwischen triefende und sich leider als nicht ganz wasserdicht herausstellende Regenkleidung. Ich laufe zum Mügelner Bahnhof zurück und warte am Überweg Dr.-Friedrichs-Straße noch auf die mit Ng 66979 aus Kemmlitz zurückkehrende 99 1562. Erst ein kleiner Punkt zwischen den beiden recht markanten Gebäuden, der wird größer und größer, um schließlich über die pfützendurchsetzte Straße in den Mügelner Bahnhof zu rollen.


Da Ng 66960 aus Oschatz noch nicht angekommen ist, eile ich ihm nun entgegen. In einer langen Geraden verläuft die Strecke hier nach Schweta, immer neben der obstbaumbesäumten Landstraße. Und dann schält sich aus dem Dunst der Nahgüter heraus, erst als kleine dunkle Wolke am Horizont, welche immer größer zu der schwer arbeitenden 99 1608 wird, deren Abdampffahne sich im regennassen Himmel verliert. Ein Achtungspfiff, dann bullert die Lok über die Mügelner Straße von Grauschwitz, noch lange übertönt sie im Westwind das Rumpeln der Wagenschlange.

99 1608 vor Mügeln 99 1608 vor Mügeln 99 1608 vor Mügeln

Schnell zurück zum Mügelner Bahnhof. Dort wird schon fleißig rangiert, eine anstrengende und auch gefährliche Arbeit für alle Beteiligten. Immer wieder sind die Kuppelbäume der Rollwagen ein- oder auszuhängen, es gibt auch keine Bühnen zur Mitfahrt der Rangierer. Auch 99 1574 eilt zur Hilfe herbei, kein Wunder, schließlich soll sie ja das Gros der Wagen nach Kemmlitz weiterbefördern.

99 1608 in Mügeln 99 1608 in Mügeln

Und das tut sie dann auch: Mit einer eindrucksvollen Abfahrt verabschiedet sie sich für heute mit Ng 66980 genau um 12:00 Uhr von mir. Sechs aufgebockte "Emils" sowie der Packwagen sind zu befördern, eine ordentliche Aufgabe, zumal die Steigung hinter Nebitzschen nicht ohne ist. Da wird sie wohl ab Nebitzschen zweimal fahren müssen... Ob sie allerdings mit dieser Fuhre hier die erlaubte Geschwindigkeit von 15 km/h erreicht? Wer weiß?

99 1574 in Mügeln 99 1574 in Mügeln 99 1574 in Mügeln

Inzwischen ist auch 99 1608 auf der anderen Bahnhofsseite mit Ng 66961 nach Oschatz ausgefahren. Und Üg 70039 nach Altmügeln fällt aus. So beschließe ich, mit dem Bus nach Oschatz zurückzufahren. Dort finde ich auch in Bahnhofsnähe einen Imbiss. Die im Ikarus-Bus erwärmten (aber nicht getrockneten) Klamotten finden Ergänzung durch innerliche Wärme, erzeugt von zwei Bockwürsten und einem herrlich heißen Kaffee. Na, dann los zum Oschatzer Bahnhof!


Hier bedient 99 1562 gerade die Rollwagenanlage. Sie sichert die Rollwagen gegen Verschieben, während eine 106'er vorsichtig normalspurige E-Wagen auf diese schiebt, aufmerksam vom Rangierpersonal beobachtet. Bald ist dies zunächst vollbracht, nun wird der erste E-Wagen auf dem Rollwagen befestigt und vom Rest entkuppelt. Die Dampflok zieht nun den Rollwagen ein Stück weg von den anderen, damit einer der neben der Gleise im Dreck liegenden Kuppelbäume eingehängt werden kann. Wenn dies bis zum Ende des Zuges erfolgt ist, kann die 106'er verschwinden und die Dampflok die alleinige Herrschaft über den Zug übernehmen.

99 1608 in Oschatz 99 1608 in Oschatz 99 1608 in Oschatz
99 1608 in Oschatz 99 1608 in Oschatz

Von Zeit zu Zeit künden einige kurze Auspuffschläge von der Rangierarbeit der Lok. Später werden die Wagen aus der Rollbockanlage herausgezogen, mit weiteren vereinigt, die Heberleinbremsen verbunden und schließlich steht der Zug abfahrbereit. 99 1608 ist derweil von der Anschlussbedienung in Oschatz zurückgekehrt und wird sich gleich vor 99 1562 setzen, beide Loks werden Ng 66964, den letzten Nahgüter nach Mügeln befördern. Ich sehe keinen Sinn mehr, auf dessen Abfahrt zu warten, es regnet weiterhin und die Dämmerung hat längst eingesetzt. Außerdem muß ich am nächsten Tag schon um halb fünf Uhr aufstehen, und das zu einer 12-Stunden-Schicht!


So verlasse ich um 15:21 Uhr den Bahnhof Oschatz mit dem 34 Minuten verspäteten D 943 und steige in Riesa in D 574 um. Kurz vor 18:00 Uhr erreiche ich dann auch, diesmal sogar pünktlich, und sogar (bis auf die Schuhe) wieder leidlich trocken, den "Bahnhof" Berlin-Schöneweide.
Ich habe in dem damaligen Kursbuch sogar noch den handschriftlichen Fahrplan der Döllnitzbahn (von 1987) gefunden: Hier schauen!
Möchten Sie die Bilder noch einmal als Slideshow vorbeiziehen lassen: Dann hier klicken!
Die Döllnitzbahn gibt es auch heute noch, zwar ohne Güterverkehr, aber an Wochenenden auch noch manchmal mit IV k:    Dann hier klicken!
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