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Winterfahrt ins Neißetal


Im Winter 1985/86 waren die Beziehungen zum "Bruderland" VR Polen einmal wieder an einem Tiefpunkt angelangt. Plötzlich lieferte Polen nicht mehr genug Rohbraunkohle aus den Tagebauen von Bogatynia rechts der Neiße für das links des Flusses gelegene DDR-Kraftwerk Hirschfelde, hinzu kamen Preisstreitigkeiten. Was nun? Die Versorgung des Kraftwerkes wurde kurzfristig umgestellt, die Tagebaue Berzdorf bei Hagenwerder und, als dieser sich als nicht ausreichend erwies, auch weitere in der Niederlausitz, mußten die Kohleversorgung sicherstellen. Insgesamt bis zu fünf 2000-Tonnen Ganzzüge verkehrten plötzlich nach Hirschfelde durch das hier teilweise schon recht enge Neißetal, auf einer immer leicht ansteigenden Strecke, welche mehrmals die Staatsgrenze überschreitet und nur für 18 Tonnen Achslast zugelassen war (und ist). Also, nichts für die russischen Großdieselloks! Und so kamen in ihren letzten Betriebsjahren die 52'er des Bw Zittau noch zu einer richtig anspruchsvollen Leistung. Die Ganzzüge wurden in Hagenwerder übernommen und dann die 16,5 Kilometer durch das Neißetal, meist aber durch polnisches Gebiet, gezerrt, mit Vorspannlok natürlich, wofür der Fahrplan eine Fahrzeit von 31 Minuten vorsah. Ein Grund, da einmal hinzufahren, oder?

So treffe ich am Abend des 27.02.1986 um 23.30 Uhr auf dem Berliner Ostbahnhof ein. Am Bahnsteig B steht schon D 389 nach Katowice über Görlitz bereit, jetzt im Winter ist er nur kurz, 3 polnische Wagen laufen mit, am Schluß die zwei DR-Bm bis Görlitz. Ich benutze heute den PKP-Bm an der Spitze des Zuges, vor mir röhrt die 132'er. Zur Fahrt gibt es nicht viel zu sagen, bis etwa Weißwasser schlafe ich, dann bin ich wach und schaue aus dem dunklen Abteil, um noch einen günstigen Standpunkt zur Aufnahme der beiden morgendlichen mit 52'ern bespannten Dg von Schlauroth zu erspähen. Kurz vor Kodersdorf: Freies, leicht schneebedecktes Land, hier könnte das Licht auch schon um 08.00 Uhr ausreichend sein!
Kurz nach drei Uhr in der Nacht: Mit 36 Minuten Verspätung rollt der Zug in die kalte, leere Bahnhofshalle von Görlitz. Müde suche ich ein etwas wärmeres Plätzchen, aber Fehlanzeige, alles geschlossen und verrammelt. Und mein Zug nach Kodersdorf fährt erst um 06.24 Uhr! Wenigstens steht im Nachbargleis D 950 nach Meiningen, nach Ankunft des Gegenzuges D 957 um kurz vor 02.00 Uhr bleibt der Park in der Halle stehen. Auch die 132'er hat nur umfahren und heizt fleißig. Ein dunkles, aber warmes Abteil eines Modernisierungswagens lädt mich ein, sich in Morpheus' Arme zu begeben....
Ein Ruck weckt mich: Der Zug verläßt gerade den Bahnhof Görlitz! Na gut, fahre ich eben erst einmal nach Löbau! So stehe ich kurz nach 04.00 Uhr auf dem um diese Uhrzeit ebenso toten Bahnhof.


Aber was steht denn da auf Gleis 3? 52 8183 dampft vor einer Ansammlung von Bghw-Wagen, welche einmal um 04.52 Uhr den Bahnhof in Richtung Ebersbach als P 17841 verlassen sollen. Eine halbe Stunde Zeit, um Zwiesprache mit der Lok zu halten, oder vielleicht doch nur, um mich in ihrer Nähe ein wenig warmzuhalten? Na egal, beides gelingt, auch wenn das Lokpersonal, zu dieser Tageszeit nicht weiter verwunderlich, nicht sehr gesprächig ist. Da kommt Lust auf, hier in Löbau zu bleiben. Aber nein, ich will nach Görlitz zurück!

52 8183 in Löbau

Und so erreiche ich durch die Unterführung den schon fleißig rangierenden Gexmp 2969, ein Sammelsurium von 5 Bghw , 1 Daag- sowie einigen Post- und Expreßgutwagen, mir aus meiner studentischen Zugführerzeit noch bestens bekannt. So stehe ich um 05.00 Uhr wieder auf dem Görlitzer Bahnhof, auch jetzt noch bar jeder gastronomischen Betreuung. Na, um halb sechs öffnet wenigstens der Imbiß in der Schalterhalle. Schnell einen Kaffee mit zwei Brötchenhälften garniert und wieder nach oben gelaufen. E 940 wartet schon. Er bringt mich in 14 Minuten nach Kodersdorf.

Schnell verschwindet der Eilzug in der anbrechenden Morgendämmerung. Mir steht nun eine kurze Wanderung bevor, etwa einen Kilometer rechts der Strecke habe ich in der Nacht ja die Fotostelle erspäht. Da kein Weg am Bahngleis entlangführt, muß ich wohl oder übel über den Acker stapfen. Ein Glück, daß der Boden in der Eiseskälte gefroren ist! So stehe ich dann etwa 20 Minuten später einsam mitten in der Landschaft und schaue nach Kodersdorf hin, oder besser gesagt, zum Ortsteil Kodersdorf-Bahnhof mit dem Schornstein der Dachziegelwerke, welcher sich langsam aus der Dämmerung schält. Hinter mir ist eine Lücke in den Bäumen des Feldraines, was mich auch auf einen schönen Nachschuß hoffen läßt.
Und dann, nach einer Dreiviertelstunde Wartens, in der die Kälte langsam von mir Besitz ergreift, schält sich aus der Silhouette des Ortes ein kleiner schwarzer, immer größer werdender Punkt heraus.

52 8125 in Kodersdorf 52 8125 in Kodersdorf 52 8125 in Kodersdorf

Da rollt sie heran, die Görlitzer 52 8125, mit Tender voran! Ein Glück, daß ich den Fotostandpunkt auf dem Acker gewählt habe. Der Lokführer hat "die Hütte zugemacht", die drei Kilometer im Gefälle bis zum mit verringerter Geschwindigkeit befahrbaren Abzw Mückenhain rollt der Zug von alleine. Aber erstaunlich lang ist die Wagenschlange von Dg 54274 von Schlauroth nach Niesky, welche da an mir vorbeirumpelt und schließlich im Winterdunst verschwindet.

52 8125 in Kodersdorf 118 739 in Kodersdorf

Langsam laufe ich zum Bahnhof Kodersdorf zurück. Beim Aussteigen hat mir die Örtlichkeit ganz gut gefallen, ich habe beschlossen, Dg 53244 nach Weißwasser dort aufzunehmen. Außerdem möchte ich unbedingt P 5801 erreichen, um rechtzeitig nach Hagenwerder zum Kohlependel zu gelangen.
Pünktlich kommt er ja, der Dg. Aber mit 118 739 bespannt. Schade! Wer ahnt denn damals, daß diese Lok ihre dampfgetriebenen Schwestern nur um etwa 10 Jahre überleben würde.....(rechts oben).
P 5801 ist pünktlich, und kurz vor halb zehn bin ich, nun zum dritten Male, in Görlitz. Da das Zugangebot durch das Neißetal recht bescheiden ist, muß ich nun zur Konkurrenz, dem VEB Kraftverkehr, wechseln, um die knapp 10 Kilometer nach Hagenwerder zu überwinden. So hält kurz vor zehn Uhr der Ikarus-Schlenki mit mir am eigentlichen Ziel meiner Reise. Schnell am Bahnhofsgebäude vorbei auf den Hausbahnsteig gelaufen! 52 8157 und 52 8012 haben ihren Leerzug Lgo 59236 pünktlich schon von Hirschfelde herangebracht und genießen nun ihre Pause vor dem großzügigen Empfangsgebäude. Inzwischen hat die Sonne den Dunst durchbrochen und beleuchtet die friedlich vor sich hin schmauchenden Loks.

52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder 52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder 52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder

Währenddessen gibt es für die V 60 vom Kraftwerk Hagenwerder viel zu tun! Gerade hat sie noch die letzten beladenen Wagen für den Gag 56237 nach Hirschfelde herangebracht, der Zug ist damit auf eine stattliche Länge angewachsen. Und nun sind zu mitgebrachten leeren Fal unter den Fahrdraht der Anschlußbahn zu ziehen, damit die Grubenloks sie zur Beladung zum Tagebau Berzdorf bringen können. Die Heizer der 52'er sind mit der Feuerbereitung für die Lastfahrt beschäftigt....

52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder 52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder

Da reißen mich zwei Achtungspfiffe aus meinen Gedanken. Die Loks rangieren an den Zug! Endlich hat die Dampfspeicherlok freie Bahn, um ihre Kesselwagen ins Kraftwerk zu befördern. Und beide Heizer sind nun mit dem Loshacken der minderwertigen Kohle beschäftigt. Niemand möchte auf der Strecke wegen Dampfmangel liegenbleiben! Die Luftpumpen arbeiten, der Zugfertigsteller macht die Bremsprobe und bringt die Zugpapiere. Alle warten nun nur noch auf das Heben der Signalflügel.....

52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder 52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder 52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder
52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder

Da heben sich mit hörbarem Klappern die Signalflügel zum "Hf 2". Die Dampfwolken über den Loks werden noch größer, dichter weißer Qualm steigt hoch in den sonnendurchfluteten Himmel. Da, der erste Auspuffschlag! Die vordere 52'er ruckt kurz an, um die Kupplung zu spannen. Dann ein Pfiff, die hintere 52 8012 antwortet. Und jetzt weitere Auspuffschläge, ganz langsam setzt sich die lange Wagenschlange in Bewegung. Noch ist das kein Problem, der Bahnhof liegt ja in der Ebene, und danach geht es leicht bergab zur nur mit 30 km/h befahrbaren Neißebrücke hinunter.

52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder
52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder 52 8157 und 52 8012 in Hagenwerder

So fährt die Fuhre fast unendlich langsam an, mit unregelmäßigem Vierlingstakt donnern die beiden Lokomotiven an mir vorbei, ein kleines Stück kann ich sogar noch mitlaufen. Was für eine Abfahrt! Noch lange, die beiden Loks verdunkeln das Gegenlicht mit ihren Dampschwaden, rollt die Wagenschlange quietschend und rumpelnd durch die abzweigenden Weichen an mir vorbei! Da möchte ich einmal die Beschleunigung hinter der Neißebrück erleben! Aber das liegt ja im für mich unerreichbaren Polen....

Noch eine ganze Weile schaue ich dem immer kleiner werdenden Zug hinterher, klopfe beim Zugfertigsteller im Empfangsgebäude, um ihn zu fragen, ob es heute nicht vielleicht einen Sonderzug nach Hirschfelde gibt? Nein, der nächste Gag 56239 fährt erst um 17.10 Uhr! Die Polen nehmen keine Sonderzüge und bestehen auf Einhaltung des Fahrplanes. Und Ng 65203 von Schlauroth, auch eine 52'er-Leistung, fällt heute aus.
So fahre ich mit P 16807 nach Zittau, über die Neißebrücke, durch den auf polnischer Seite liegenden Bahnhof des deutschen Ortes Ostritz, genannt "Krzewina Zgorzelecka". Aussteigen ist hier möglich, beäugt von polnischen Grenzsoldaten, fotografieren wohl eher nicht! Dahinter wird das Tal enger und romantischer, der Wald hüllt alles ein, auch zwei Brücken über die Neiße, auf deutsches Gebiet und wieder zurück nach Polen, bis kurz vor Hirschfelde sich der Wald lichtet, und unversehens linkerhand die Kühltürme der beiden Kraftwerke, Turoszow, und, kurze Zeit später, Hirschfelde, auftauchen. Nun ist auch Zittau schnell errreicht, wo ich hungrig in die Bahnhofsgaststätte einfalle.
Man muß sich beeilen in der DDR, Mittagstisch ist nur bis 13.30 Uhr, aber es reicht noch, und so verlasse ich eine Stunde später, gestärkt von Speis und Trank, den lockenden Nachmittagszug der Schmalspurbahn nach Jonsdorf links liegen lassend, mit P 3856 Zittau in Richtung Mittelherwigsdorf.

Der Mandauviadukt hat es mir hier angetan. Das Mandautal macht hier einen Knick nach Süden, die Hauptstrecke nach Dresden muß es, um in nordwestlicher Richtung weiterzulaufen, überqueren. Bei näherem Hinsehen sieht es, in den siebziger Jahren rekonstruiert, dann doch nicht so schön aus. Aber es liegt noch recht lange in der Sonne, wenn diese auch inzwischen langsam wieder im Dunst versinkt. Zuerst rollt eine V 100 mit P 9826 über die Brücke, eine Anzahl von Donnerbüchsen hinter sich herziehend.

BR 110 uaf Mandauviadukt 52 8047 in Mittelherwigsdorf

112 748 in Mittelherwigsdorf
52 8047 in Mittelherwigsdorf

Leider hat das Bw Zittau den Dampflok-Einsatz vor den übrigen Zügen mit Aufnahme der Gag-Beförderung nach Hirschfelde reduziert, und so bleibt mir hier nur P 17870 nach Löbau über Herrnhut. Aber diese Zusammenstellung verschlägt mir dann doch die Sprache: 52 8047 rollt "mit Tender voran" über den Viadukt, am Zughaken einen Bag-Wagen sowie einen im neuen DR-Design angestrichenen Schnellzug-Bg. Und das am Freitagnachmittag! Der Dreiachser macht auch einen gut besetzten Eindruck....

Langsam senkt sich die Dämmerung über das Land. Ich laufe zurück zum Bahnhof Mittelherwigsdorf, um mit dem planmäßig dampfbespannten P 17830 über Varnsdorf nach Löbau zu fahren. Vorerst rollt jedoch E 686 im letzten Licht des Tages durch den Bahnhof. 112 748 reicht für die sieben Wagen aus, der Zug wird erst in Görlitz verstärkt. Och, eine 112'er, werden Sie sagen! Aber das Bahnhofspanorama ist nicht schlecht, auch hat diese Lok ihre dampfgetriebenen Vorgänger nur bis 1999 überlebt.
Auch P 17830 rollt pünktlich in den Bahnhof, aber leider mit einer 110'er bespannt. Trotzdem fahre ich mit, über Varnsdorf (CSSR), Seifhennersdorf, Ebersbach nach Löbau. Somit habe ich schon das zweite fremde Land an diesem Tag durchfahren, und das alles ohne eine "Reiseanlage", ohne nervende Grenz- und Zollkontrollen: "Haben Sie etwas zu verzollen?" "Nein!" "Was muß ich davon sehen?" So etwas gab es in der DDR nur in ihrem südöstlichsten Zipfel um Zittau!


Ein Besuch in der Bahnhofskneipe von Löbau, ein kräftiges Bauernfrühstück, ein paar Bier, und dann fährt auch schon D 450 ein. Nicht um damit, wie so oft nach Thüringen zu fahren, nein, zu Verwandten nach Dresden zieht es mich, ein frisch gemachtes Bett wartet dort auf mich. Interessant, wie man eine Fahrt von Berlin nach Dresden auf 24 Stunden ausdehnen kann, meinen Sie nicht auch?

Alle Bilder wurden auch in das Bildarchiv eingestellt und können auch, in verschiedenen Applikationen, jederzeit abgerufen werden. Näheres unter       Franks Bahnshop


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